Unüblicher Zwischenfall

Unüblicher Zwischenfall

14. Oktober 2026 4 Von Silvernomads

Waaaas? Das gibt es doch nicht! Waren Sie denn vorwiegend auf ungeteerten Strassen unterwegs? ……. Tja, ok…. das kann natürlich schon passieren, oh Mann, da haben Sie aber Glück gehabt!

Diese ungläubigen, erstaunten und gleichzeitig nachdenklich formulierten Ausrufe stammen vom kompetenten und an unserem Malör interessierten Automechaniker bei Canadian Tire. Wo wir schon bei Canadian Tire sind: Gäbe es eine Abstimmung darüber, welche Ladenkette für Reisende unseres Kalibers die hilfreichste, die freundlichste und gleichzeitig die unterhaltsamste ist, würde Canadian Tire abräumen und den ersten Platz belegen. Die erfüllen einfach alle Wünsche. Auch solche, von denen man vorher gar nicht wusste, dass man sie hatte. Columbus könnte (wenn er denn könnte) ein Lied davon singen, was er bereits alles mitzuschleppen hat.

Nun denn: Dass wir einmal mehr Canadian Tire zwischen West- und Ostkanada aufgesucht haben, hat eine Vorgeschichte. Nach obigem Intro wäre es etwas unfair, dieselbe nun nicht preiszugeben:

Es ist hinlänglich bekannt, dass auf unserer Reise der Weg das Ziel ist. Was zugegebenermassen manchmal ziemlich eintönig sein kann. Vor allem bei der Durchquerung der «Prärie», die über hunderte von Kilometern durch die Kornkammern und die Ölfelder führt. So läuft im Cockpit gerade nicht viel – Pilot und Co-Pilotin hängen ihren Gedanken nach. Ausser dem gleichmässigen Motorengeräusch von Columbus hält sich der Lärmpegel also in Grenzen.

Was sich schlagartig ändert, als ein uns unbekanntes Rumpeln unsere ungeteilte Aufmerksamkeit verlangt. Die Blicke im Cockpit treffen sich: Nix von Augenrollen – beidseitiges Stirnrunzeln ist angesagt. Gefolgt von sofortigem Anhalten am Strassenrand. Wir tippen auf einen flachen Reifen und gemeinsam umrunden wir Columbus. Fehlanzeige, von einem flachen Reifen weit und breit keine Spur. Also auf zum zweiten Rundgang. Nach längerem Verweilen beim linken Hinterrad und einem unverhältnismässig langen Stillschweigen stellt der beste aller Ehemänner mit der ihm eigenen Gelassenheit fest: «Schau, da fehlen uns doch tatsächlich drei Radschrauben! Es sollten eigentlich fünf sein. Eine muss es jetzt gerade abgerissen haben, daher das Geräusch. Unser Hinterrad hängt noch an zwei losen Schrauben, das ist jetzt aber nicht gut.» Ich brummle nach dem ersten Schreck etwas in der Art von «eine fehlende Schraube würde eigentlich reichen», und überlasse dann subito das Kommando über das weitere Vorgehen dem lösungsorientierten Columbus-Piloten.

Der Rest ist schnell erzählt: Nachdem für Fredi klar ist, was zu tun ist, werfen wir uns beide in unsere gelben Warnwesten und ich wandere mit dem Pannendreieck schon mal der Sonne entgegen. Nicht, dass es hier wahnsinnig viel Verkehr hätte, aber was sein muss, muss sein.

In der Zwischenzeit macht Fredi sich ans Werk: Er entbindet die zwei vorderen Räder von ihrer Verantwortung, auf je fünf Schrauben aufzupassen und entfernt ihnen je ein Exemplar. Damit bestückt er das hintere linke Rad. Ausgleichende Gerechtigkeit und gemeinsam trägt sich Verantwortung besser. Mit drei Rädern à 4 Schrauben und einem Rad mit 5 Schrauben machen wir uns auf in die nächstgelegene Ortschaft, die nicht gleich um die Ecke zu finden ist. Dafür – what else – einen Canadian Tire Laden hat.

Wie die Geschichte ausgegangen ist? Da Columbus ein europäisches Fahrzeug ist, gibt es genau diese Radschrauben hier nicht von der Stange zu kaufen. Und so kramt unser hilfsbereiter Canadian Tire Mechaniker (s/Intro) zuerst in seinen Hosentaschen und dann aus einer seiner Werkstatt-Schubladen drei Schrauben hervor, die zwar gebraucht und nicht völlig identisch mit den Originalteilen sind, aber in den relevanten Massen übereinstimmen. Kostenlos. Ob er sie auch noch gleich montieren soll? Fredi wehrt dankend ab und erledigt das selber direkt auf dem Parkplatz. Mit dem Werkzeug, das ihm zur Verfügung gestellt wurde.


Mit dem guten Gefühl der Vollzähligkeit machen wir uns Stunden später wieder auf den Weg Richtung Osten. Lassen uns im Fort William bei Thunder Bay ins Jahr 1815 hineinziehen, und plaudern mit den Schauspielern in ihren historischen Kostümen über die Besonderheiten des Hier und Jetzt in diesem Pelzhandel-Hauptquartier. So quasi als Abschieds-Salut feuert Fredi auf einer Muskete noch einen erfolgreichen Schuss in den Himmel, bevor wir uns wieder ins 2026 begeben.

Die Bruce Peninsula mit ihrer malerischen Landschaft, Sandstränden und glasklaren Buchten lassen wir genauso wenig aus wie Ottawa. Die wunderschönen, sehr englisch anmutenden Regierungsgebäude werden in der kanadischen Hauptstadt aktuell einer mehrjährigen Renovation unterzogen. Québec wiederum fasziniert mit seinem deutlich französisch angehauchten Charme und sorgt bei uns nochmals für Diskussionen rund um die Zweisprachigkeit in diesem grossen Land.

Und dann werden mit jedem weiteren Tag unserer Reise die ersten Herbstboten sichtbarer: Die Bäume beginnen zaghaft, sich in leuchtendes gelb und rot zu verfärben und sorgen für erste begeisterte Ah’s und Oh’s. Dass sich fast zeitgleich und deutlich weniger zaghaft auch das gelbe Motorenlämpli (wie vor zwei Jahren in den USA) wieder mit Leistungsverlust zu Wort meldet, ist eine andere Geschichte 😊.

Titelbild: Bei Killarney

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