Wenn Overtourism ein Fremdwort ist

Wenn Overtourism ein Fremdwort ist

16. September 2026 0 Von Silvernomads

Die staubigen und ungeteerten Strassen fordern ihren Tribut. Das Weiss von Columbus ist nur noch mit gutem Willen zu erkennen – eine Autowäsche ist angesagt. Entlang der breiten Hauptstrasse lässt sich ziemlich alles finden, was man für ein zufriedenes (Auto)Leben braucht. Auch eine Selbstbedienungs-Waschanlage. Willkommen in Hay River in den Nordwest Territorien.

Salt Plains, Wood Buffalo, ist Kanadas grösster Nationalpark

Kaum angehalten und noch im Aussteigen begriffen, nähert sich uns eine junge Frau und fragt unverblümt: «Hallo, sie habe ich hier aber noch nie gesehen! Was machen sie hier? Woher kommen sie? Sind sie auf der Durchreise? Wollen sie sich hier niederlassen?»

Aufgrund dieser etwas unüblichen Begrüssung erzählen wir erst mal unsere Geschichte. Sie lauscht mit grossen Augen, unterbricht uns immer wieder mit Zwischenfragen und ist ganz aus dem Häuschen. «Very welcome, strangers!» ruft sie dann schliesslich fröhlich aus und stellt sich als Mitinhaberin dieser Autowasch-Anlage vor. In der dritten Generation notabene. Geboren und aufgewachsen hier in Hay River… und wir lauschen ihrer Geschichte.

Dann besinnt sie sich darauf, warum wir hier eigentlich hier sind und lässt uns wissen, dass wir ihre Waschanlage selbstverständlich kostenlos benützen dürfen, wir seien ja schliesslich weit gereist. Sie holt uns noch extra einen zusätzlichen grossen Eimer mit Wasser und Seife, damit unser Columbus auch ja ganz schön sauber werde.

Was soll man da noch sagen. Es brauchte mich etliche Überredungskunst, sie zur Annahme eines Trinkgeldes zu überreden, weil sie partout kein Geld für die Autowäsche wollte. Als Gegenleistung bekam ich eine blaue Schirmmütze mit Firmenlogo (für den Mann) und eine pinkfarbene Wollkappe (für mich) mit auf den Weg.


Sauber gewaschen finden wir an derselbigen Hauptstrasse auch eine Tankstelle. Columbus hat schliesslich noch Durst, so an die 60 Liter werden wohl im Tank Platz haben. Eine halbe Stunde später hatte ich mich mit allen nach uns anstehenden Automobilisten ausführlich über Sinn und Unsinn des Lebens im speziellen und ganz allgemein unterhalten. Habe gehört was es heisst, wenn das Leben hier wie in den letzten Jahren mehrheitlich aus Flucht besteht: Sei es wegen Feuer oder wegen Überschwemmung, evakuieren gehöre zum Alltag. Aber von hier wegziehen? Warum denn? Ein älterer Mann in seinem Pick-Up erzählt mir von seinen Töff-Touren in jungen Jahren mit seiner Harley und seiner Frau auf dem Sozius… ja, damals hätte man noch ins Nachbarland reisen können.

Und in dieser halben Stunde steht der beste aller Ehemänner nach einem ersten Augenrollen ergeben an der Zapfsäule, schaut zu, wie sich der Columbus-Tank langsam aber sicher füllt und berichtet zwei neugierigen jungen Männern, wie unser Camper es nach Kanada geschafft hat. Eine halbe Stunde bis 60 Liter Diesel im Tank sind? Geit’s no? Hier schon. Kein Problem, wir haben Zeit, meinte man um uns herum und genoss ganz offensichtlich die willkommene Abwechslung mit diesen zwei Ausländern.

Und dann Yellowknife – die Hautstadt der Nordwest-Territorien. Unser erster Gang führt uns ins Gebäude der «Legislative Assembly» um mehr über dieses Konsens-Regierungssystem zu erfahren, welches ohne politische Parteien funktioniert. Es wurde keine Führung angeboten, aber eine Beauftragte für Gäste befand sich gerade im Haus – und wir kommen zu einer kostenlosen Privatführung. Später dann die Suche nach dem Touristenbüro: Selbiges liess sich nicht gerade auf Anhieb finden – entsprechend freudig werden wir dort begrüsst. Eingedeckt mit Geschenken in Form von Selbstklebern, Pins, Postkarten und vor allem einer Gratis-Parkkarte für die nächsten 48 Stunden machen wir uns eine knappe Stunde später wieder auf den Weg zurück zu Columbus. Parkplätze, so sagte man uns, seien eben teuer und man wolle die paar wenigen Touristen um diese Jahreszeit nicht auch noch vergraulen. Denn wer später im Jahr käme, der käme wegen den Nordlichtern und sowieso mit dem Flieger.

Wie privilegiert sind wir doch, solche Begegnungen in unserem Reiserucksack verstauen zu dürfen. Die Fahrt nach Yellowknife, Hay River und dem Wood-Buffalo-Nationalpark gestaltete sich zwar wegen den oft eigenwilligen Strassenverhältnissen über weite Strecken als recht abenteuerlich, hat sich aber für uns mehr als gelohnt. Die Gegend dort oben besticht durch ihre wilde Schönheit, haufenweise Bisons, einem anderen Zeitverständnis und erfrischend neugierigen und interessierten Menschen.

Fazit? Welch gute Entscheidung, nach Dawson City nicht direkt südwärts zu fahren, sondern noch ein bisschen auf diesen Breitengraden zu verweilen! 😊


Titelbild: Strand in Hay River

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