Sag niemals nie

Sag niemals nie

13. August 2026 2 Von Silvernomads

Die Warteschlange, welche uns von Dawson City noch einmal ins geschichtsträchtige Mooshide Villlage bringen soll, ist massiv länger als gestern: Subito wurden uns da (un)passende Schwimmwesten ausgehändigt und gemeinsam mit ein paar First Nations brausten wir drei Kilometer den Yukon-Fluss hinab.

Henusode: Wir wappnen uns mit Geduld. Schliesslich wollen wir noch einmal an das Mooshide Gathering. Eine Zusammenkunft, die alle zwei Jahre stattfindet, organisiert von den hier ansässigen First Nations «Tr’ondëk-Hwëch’in». Es geht bei diesem Fest darum, die alten Bräuche der Vorfahren, ihre Geschichten und ihre Art zu feiern wieder aufleben zu lassen und damit ganz bewusst alte Traditionen an die nächste Generation weiterzugeben. Menschen wie wir sind ausdrücklich eingeladen. First Nations Stämme von nah und fern kommen an dieses mehrtägige Fest, welches geprägt ist von Tanzvorstellungen, Musik und dem heiligen Feuer, welches Tag und Nacht brennt. Drogen und Alkohol sind verboten.

Zurück zur Warteschlange: Es sind alle bestens gelaunt, keine Spur von Ungeduld. Die meisten um uns herum unterhalten sich in ihrer Stammessprache, sodass wir kein Wort verstehen. Zwischendurch fährt mal wieder ein Auto vor und wartet ohne zu hupen, bis die wartende Menschenschlange Platz macht, damit es sich irgendwo in eine kleine Lücke quetschen kann.

Wir wundern uns, warum wir – wenn überhaupt – nur schleppend vorwärtskommen. Immerhin sind mittlerweile ein paar Boote unterwegs, die zwischen hier und Mooshide hin und herbrausen. Sogar das Polizeiboot hilft mit, Menschen – notabene kostenlos – zu befördern. Nachdem wir dem Treiben eine Weile zuschauen, wird klar: Die Vorfahren, resp. die alten Leute haben ganz klar Vorrang, ihnen wird Respekt und Ehrfurcht gezollt. Sie sind keine Bürde für diese Gesellschaft. Nein, diese weisen und lebenserfahrenen Menschen haben es verdient, nicht in der Schlange stehen zu müssen, mit dem Auto bis zum Fluss-Ufer gefahren zu werden und vor allen anderen ein Boot besteigen zu dürfen. Sollten sie trotzdem ein paar Minuten warten müssen, dürfen sie es sich in einem speziell für sie reservierten Klappstuhl bequem machen. Weder Krücken noch Rollatore sind ein Hindernis, sich ins Boot helfen zu lassen. Kein Wunder also, dass das alles ein bisschen dauert.

Wir sind beeindruckt. Bis die wirklich ziemlich alt aussehende indigene Frau vor uns sich zu uns umdreht, zahnlos lächelt und in gut verständlichem Englisch sagt: «Eldery people have priority. You do not have to wait in this line, you can go directly to the boat”. Nach der ersten kleinen Schockstarre bedanken wir uns für das Angebot und meinen, dass wir gerne mit ihr hier warten, wir hätten es ja schliesslich nicht eilig. Ihre Antwort: Me too, I have all the time in the world, I’m 78”. Und wir zwei sehen endgültig alt aus.

Das ändert nichts an unserer Zuneigung für Dawson City und den hier lebenden Tr’ondëk-Hwëch’in. Sie sind einer der 11 von 14 First Nations des Yukons, die sich selbst verwalten. Mit dieser Verantwortung haben sie einen beachtlichen Teil ihrer früheren Unabhängigkeit zurückbekommen.

Auch wenn das City in Dawson City etwas anderes vermuten lässt: Der Ort liegt nicht am Trans Canada Highway Nr 1 sondern im nördlichen Teil des Yukons, also ziemlich weit weg vom Schuss. Wir haben uns ihm über den Top of the World Highway genähert. Mit von der Partie im eigenen Camper: Unsere langjährige, deutsche Freundin Gabi. Eine organisatorische Meisterleistung sondergleichen – vor allem auch von ihr.

Dawson City: Die einzige geteerte Strasse ist die «Front Street». Von hier aus konnte früher der Fluss Yukon gesehen werden, bis nach einer weiteren üblen Überschwemmung und zähneknirschendem Einverständnis der Tr’ondëk-Hwëch’in (frei übersetzt: Das Volk des Flusses) ein kleiner Damm erbaut wurde, der den Ort vor Überschwemmungen schützt: Zähneknirschend, weil der Yukon Teil ihres Lebens ist und sie ihn vor Augen haben müssen: Nicht wenige von ihnen gehen noch heute jeden Morgen als erstes zum Fluss um ihn und den neuen Tag zu begrüssen.

Dawson City: Keine Hochhäuser, keine Skyline. Die gloriosen Zeiten als Hauptstadt des Yukon (heute Whitehorse) und Goldgräber-Zentrum mit bis zu 50’000 Einwohnern sind längst vorbei. Heute leben weniger als 2000 Menschen hier. Und doch fühlt man sich in diese Zeit zurückversetzt. Der Ort verfügt über einen unwiderstehlichen Charme, das erste Casino Kanadas trägt sicherlich dazu bei. Mit seinen Shows und Spieltischen ist es gleichermassen Treffpunkt für Einheimische und Touristen. Der Eintritt kostet einmalig 30 Dollar – Gültig bis 31. Dezember 2026.

Dawson City: Der Ort, wo man nach Mitternacht in der Abend/Morgendämmerung auf der staubigen Nebenstrasse gemütlich heimwärts schlendert und sich fragt, ob man doch nicht noch ein bisschen länger am Roulette-Tisch im Casino auf einen freien Platz hätte warten müssen.

Dawson City: Vier Monate Sommerzeit mit viel mehr als nur einer Mitternachtssonne, sechs Monate Winterzeit mit gefrorenem Yukon und Temperaturen bis zu minus 40 Grad, der Rest irgendwo dazwischen. Ein Ort auf Permafrost gebaut, was bedeutet, dass zahlreiche Häuser mittlerweile dermassen schief in der Gegend hängen, dass sie unbewohnbar geworden sind. Denn hier auf Permafrost zu bauen, bedeutet, alle paar Jahre die Häuser neu zu nivellieren.

Der Abschied fällt uns nicht leicht. Ein bisschen wehmütig blicken wir durch die Rückspiegel, lassen die vergangenen Tage Revue passieren und sagen dann beide wie auf Kommando: Denkst du, dass wir nochmals zurückkommen? Stille. Dann sagt der beste aller Ehemänner mit einem kleinen Grinsen: Sag niemals nie… 😊


Titelbild: Top of the world Highway

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