Grenzenloses Staunen in zwei Welten

Grenzenloses Staunen in zwei Welten

5. Juli 2026 2 Von Silvernomads

Die Überfahrt von Neufundland nach Labrador dauerte keine zwei Stunden und verlief unverschämt problemlos, weil: Strahlendes Wetter, praktisch kein Wellengang. Und als wollten sich die Eisberge von uns verabschieden, zeigen sie uns nochmals, was sie an Schönheit draufhaben.

An Land gehen wir in Blanc-Sablon. Kleines aber wichtiges Detail: Blanc-Sablon ist die östlichste Gemeinde der Provinz Quebec und somit Grenzort zur Provinz Neufundland/Labrador. Dass Französisch in Quebec die offizielle Sprache ist, wissen wir. Auch nicht neu die Tatsache, dass dieses Französisch für unsere gut getrimmten Biel-Bienne-Ohren sehr gewöhnungsbedürftig ist.

Nun denn: Das dortige Lebensmittel-Geschäft ist so klein und unscheinbar, dass wir zweimal daran vorbeifahren. Der Laden besticht auch innen nicht wirklich mit Charme und Offenheit. Das zieht sich bis zur Kasse durch, wo wir uns mit der ebenfalls nicht mit Freundlichkeit gesegneten Dame darüber zu verständigen versuchen, wie wir denn nun zahlen wollen: Kreditkarte, Debitkarte oder bar. Sie versteht uns nicht. Wir sie auch nicht. Der Sprachwechsel ins Englische ist zwar ebenfalls sub-optimal, führt aber zum gewünschten Resultat. Soviel zu unserer ersten Erfahrung mit dem französischsprachigen Quebec.

Da sind wir nun also: In Labrador. Der einzige Weg nach Westen führt über den Trans-Labrador-Highway und wird gerne als eines der letzten grossen Abenteuer durch eine grandiose, unberührte Wildnis, fernab dicht besiedelter Gebiete beschrieben.

1726 Kilometer später gehören auch wir zu den begeisterten Trans-Labrador-Reisenden. Wir verbringen unvergessliche Tage, staunen über unberührte boreale Wälder, Tundra und noch zugefrorene Seen. Zwischen den grösseren Siedlungen oft hunderte von Kilometern ohne Tankstellen und ohne Mobilfunknetz. Die Strassenverhältnisse fordern den Columbus-Piloten zwar immer mal wieder heraus, gilt es doch, einen vernünftigen Umgang mit den zahlreichen Schlaglöchern und den nicht immer sichtbaren Bodenwellen zu finden. Sichtbar dafür die Tierwelt: Wir begegnen Bären, Elchen und Karibus und einem Stachelschwein, welches sich partout nicht vom Highway wegbewegen lässt. Und damit den ohnehin sehr spärlichen Verkehr temporär zum Erliegen bringt. Kein Problem, hier hat man Zeit. Auch für einen Schwatz auf dem Highway, bis Kollege Stachelschwein endlich beschliesst, das Weite zu suchen.

Und die Menschen die in den paar wenigen Gemeinden in dieser Abgeschiedenheit wohnen? Sie freuen sich über die kurzzeitige Anwesenheit der Schweizer mit der komischen Autonummer und informieren gerne (ungefragt) darüber, wo sich die nächste öffentliche Toilette und die Dusche befindet, wo wir den Wassertank auffüllen können, wo die nächste Tankstelle ist, wo es Lebensmittel zu kaufen gibt und wo man über Nacht kostenlos parken kann.

Und auch in diesem Landesteil gibt es Sehenswürdigkeiten: Beispielsweise in Churchill Falls, wo sich eines der grössten unterirdischen Wasserkraftwerke der Welt befindet. Oder Manic 5, das grösste von insgesamt fünf eh schon riesigen Kraftwerken. Erwähnenswert auch noch dieser Aussichtspunkt, von welchem wir nach einem langen Fahrtag glaubten, er sei vor dem Apéro und in längstens 15 Minuten zu bewältigen. Wer zwei Stunden später noch immer nicht im Apéro sass, waren wir. Erstens befand sich dieser Aussichtspunkt nicht dort wo wir ihn vermuteten und zweitens gab es unterwegs so einige „lass uns mal ein bisschen tratschen“-Stops mit entgegenkommenden Touristen.

In Baie-Comeau hat uns die Zivilisation wieder. Und mit ihr die Provinz Quebec. Wer meint, der einzige Unterschied zwischen Quebec und dem englischsprachigen Kanada sei die Sprache, sieht sich getäuscht. An der Tankstelle kommt Fredi ins Gespräch mit einem netten Herrn. Der beste aller Ehemänner, freundlich wie immer, lobt Kanada als wunderbares, vielfältiges und liebenswertes Land. Die Antwort des tankenden Herrn fällt kurz und knapp aus: Nicht Kanada. Nur Quebec.

Ein paar Tage später im Parc nationale d’Aiguebelle: Wir haben nicht reserviert, und erkundigen uns, ob noch etwas frei ist. Die Dame erläutert mir wortreich (was ich natürlich erst nach dem dritten Anlauf verstehe), dass es noch einen freien Platz für uns habe (warum alle anderen trotzdem leer blieben, entzieht sich unserer Kenntnis). So präsentiere ich ihr also unseren „Discovery Pass Parks Canada“ dank welchem wir keine Park-Eintritts-Gebühren zahlen müssen. Sie schaut sich den Pass an als sei der vom Teufel persönlich ausgestellt worden und sagt schnippisch: „Der ist hier nicht gültig.“ Ich starre sie verständnislos an und erwidere nicht minder schnippisch: „Ja sind wir denn hier nicht in Kanada?“ Antwort: „Wir sind hier in Quebec. Das ist nicht das gleiche“. Wir staunen, was sich bei mir in kurzzeitiger Sprachlosigkeit manifestiert.

Am nächsten Morgen machen wir eine weitere Entdeckung: Während wir bis anhin im „restlichen“ Kanada alle Beschilderungen konsequent mindestens zweisprachig, manchmal sogar dreisprachig (First Nations) vorfinden, gibt es hier im ländlichen Quebec nur eine Landessprache. Diese zwei Begebenheiten waren die eindrücklichsten in einer Reihe von anderen (gleichen). Die Angst um Identitäts-und Kulturverlust sitzt offensichtlich sehr tief.

Zum Schluss: Am 1. Juli war hier Nationalfeiertag. Das ganze Land feiert. Oder emu fasch. Quebec nämlich feiert lieber am 24. Juni ihr Fête Nationale du Québec. Und wir bejammern ab sofort nicht mehr etwaige Minoritätskomplexe unserer lieben französischsprachigen Bürger*innen in Biel. 😉

Etwas ganz Wichtiges aber haben die Menschen in Quebec und die „anderen in diesem Land“ gemeinsam: Wenn das Gespräch auf das Nachbarland kommt, nehmen sie kein Blatt vor den Mund und sind alle einer Meinung. Der gleichen wie wir. 😊


Titelbild: Labrador HWY

Unsere Route