(Un)aufgeregte Tage

(Un)aufgeregte Tage

24. Mai 2026 0 Von Silvernomads

Dass wir unsere gut eingespielte Rollenteilung im Columbus-Cockpit (Fredi fährt und ich navigiere) bereits am ersten Tag in Halifax über Bord werfen mussten, hat uns beide überrascht.

Blick zurück: Ankunft in Halifax am 6. Mai abends. Weil wir dem Motto „wer lesen kann ist klar im Vorteil“ nicht Folge leisten, artet die Suche nach dem Autovermietungs-Schalter in einen veritablen Irrlauf aus. Endlich angekommen, hat sich dort bereits eine ansehnliche Menschenschlange gebildet. Das lässt uns zumindest genügend Zeit, unsere Papiere und unsere Kreditkarte, die wir explizit für Fremdwährungen einsetzen, hervorzukramen.

Eine gute Stunde später, als die Reihe endlich an uns ist, haben wir zwar die Papiere, nicht aber die Kreditkarte gefunden. Fredis gewohntes Augenrollen bleibt aus und macht dem Satz „Houston, we have a problem“ Platz. Das höre ich sehr selten. Schliesslich sind wir nicht mit der Apollo 13 unterwegs.

Es war wohl der mittlerweile späten Stunde geschuldet (und/oder meiner Charme-Offensive), dass der nette Mann hinter der Theke irgendwann nicht mehr länger auf das Vorweisen genau dieser Kreditkarte beharrte, mit welcher wir die Buchung vorgenommen hatten. Und er uns erklärte, wo das Auto parkiert war. Letzteres fanden wir – gemessen an der Sucherei nach dem Autovermietungs-Schalter – in Rekordzeit. Als wir vor dem Chlapf standen, verkniff ich mir den Satz „Houston, we face another poblem“. Vor uns stand nämlich nicht das schnüggelige, kleine und gäbige Auto, das wir reserviert hatten. Und mit welchem geplant war, dass ich damit in Halifax herumkurve. Sondern ein ausgewachsener SUV – und nicht das kleinste Modell von Mercedes. Betretenes Schweigen macht sich breit. Und wer fährt nun dieses Monster? Damit hatte der Chlapf schon mal einen Namen.

Das Gepäck ist schnell verstaut. 40 Ehejahre sind genug, um obige Frage nicht länger zu erörtern. Fredi setzt sich hinter das Steuer. Da sitzt er nun, staunt und sagt mehr zu sich selber: Und wie bring ich jetzt dieses Teil zum Laufen? Die Details der nun folgenden zehn Minuten ersparen wir unserer werten Leserschaft.

Tags darauf ist Ägschen angesagt: Auf geht’s zum Spediteur, dann zum Zoll und schliesslich an den Hafen. Es regnet in Strömen, ist neblig, windig und kalt. Zwischen zwei Pausen der Hafenbelegschaft dann der grosse Moment: Wir bekommen Columbus ausgehändigt. Der hat die Fahrt über den Atlantik schadlos überstanden.

Zurück zum ersten Satz: Im Hafengelände setze ich mich also mit gespieltem Selbstbewusstsein unter den erstaunten Blicken von zwei Hafenmitarbeitern hinters Steuer von Columbus und schätze es, dass die Scheibenwischer selber wissen, wann sie zu arbeiten haben. Fredi lasse ich liebenswerterweise mit Monster (brandneu übrigens, keine 1000 km auf dem Tacho) den Vortritt zurück ins Hotel. Meisterleistung sondergleichen, die tags darauf wiederholt wird: Da fuhr Fredi mit Monster zurück an den Flughafen und ich blieb ihm mit Columbus dicht an den Fersen.

Zwei Tage später sind wir aufgebrochen zu unserem sechsmonatigen Abenteuer quer durch Kanada. Es geht uns bestens. Auch wenn sich hier der Frühling erst zaghaft zeigt – es ist ein wunderbarer, ungezähmter Flecken Erde. Vorgestern toppten wir zum ersten Mal die 10 Grad-Grenze und fühlten uns wie im Hochsommer.

Die meisten Sehenswürdigkeiten sind noch geschlossen, weil wir ausserhalb der Saison unterwegs sind. Unsere Lebensmittel-Einkäufe dauern auch noch etwas länger als üblich, da wir, wenn immer möglich lokale Produkte bevorzugen. Die Kontakte und Begegnungen mit den Einheimischen sind grossmehrheitlich sehr positiv, es sind freundliche Menschen. Super-Stimmung und Freude pur, als wir uns mit Gabi, unserer langjährigen Freundin aus München trafen. Sie ist ebenfalls mit ihrem eigenen Camper unterwegs und wir genossen die gemeinsam verbrachten Stunden in vollen Zügen.

Übrigens: Die Kreditkarten-Geschichte ging gut aus. Es brauchte ein längeres Telefon in die Schweiz und unsere treue Freundin Sile, die sämtliche Orte in unserem Haus abklapperte um dann herauszufinden, dass diese Kreditkarte doch nicht wie vermutet zuhause geblieben ist, sondern irgendwo bei uns sein muss. Suchen bis gefunden. Soll noch einer sagen, wir seien nicht top organisiert.

Dass ein paar Tage später auch noch der Einbruch-Alarm zuhause losging und eine erneute Intervention von Sile erforderte, sei nur am Rande erwähnt. Es war zum Glück ein Fehlalarm.

Und hätte Columbus nicht ein Problem mit einem Reifen gehabt (was einen ausgedehnten Besuch bei einem Pneugeschäft erforderte), hätten wir wahrscheinlich von North Sydney in Nova Scotia migotstüri noch ein bisschen mehr gesehen als nur das geschlossene Marconi-Museum von aussen. 😊

Glückliches Wiedersehen!

Titelbild: Taylors Head

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